healed?
- whatasandyworld
- Jul 28
- 3 min read
Ein Jahr später sitze ich wieder hier. Die Räumlichkeiten sind unverändert. Ich fühle mich sofort wohl. Ein Jahr ist seit meinem Therapie Abschluss vergangen. Die letzte Sitzung fühlte sich richtig an. Es fühlte sich richtig an, ohne diese Unterstützung weiterzugehen. Ich fühlte mich vorbereitet für alles, was kommen mag.
Ein Jahr später sitze ich nun wieder hier. Was bedeutet das? Bedeutet das, ich wäre gescheitert? Bedeutet das, ich bin unfähig mein Leben selbst zu meistern?
Alles mögliche Perspektiven. Ich entscheide mich jedoch bewusst dagegen und bestärke mich in dem Wissen, dass es wichtig und richtig ist nach Hilfe zu fragen und diese auch anzunehmen. Gerade als eine Person, die damit aufgewachsen ist, sich immer selbst zu helfen, ist das ein großer Schritt. Zu verlernen, immer unabhängig und eigenständig das Leben leben zu müssen und zu lernen, sich auch auf andere Menschen zu verlassen – trotz gegenteiligen Erfahrungen – ist keine kleine Sache.
Wieder hier zu sein bedeutet für mich, selbstfürsorglich zu sein. Es ist ein Liebesbeweis an mich: Ich sehe dich und ich sehe deinen Schmerz. Ich sehe deine Trauer. Und du verdienst es, gestützt und gehalten zu werden. Natürlich hilft es auch mit Freund*innen zu reden. Aber für mich persönlich sind die Therapiestunden ein geschützter und wohltuender Raum, der mir insbesondere in schwierigen Zeiten sehr viel Halt und Orientierung gibt.
Es ist mehr als okay, nicht okay zu sein und mit dem Leben nicht so gut klarzukommen. Es ist völlig okay, wenn das viele Tagebuch schreiben und Meditieren irgendwann einfach nicht mehr so viel bringt.
Es ist völlig okay, denn das Leben ist manchmal schwer. Mensch zu sein, ist schwer.
Es ist nicht leicht ehrlich zu sein und Bedürfnisse wahrzunehmen. Die Wahrnehmung, Hilfe zu brauchen sei Zeugnis von Schwäche oder Inkompetenz ist ein falsches Narrativ, welches leider durch unsere Sozialisierung tief in uns verwurzelt ist.
Umso schöner ist es, wenn wir es schaffen, Hilfe zu suchen. Ich kenne so viele Menschen, die sagen „so schlecht geht es mir nicht“ oder „anderen geht es viel schlechter“. Ich war auch eine dieser Menschen. Ich habe einen alten Tagebucheintrag von 2022, in dem ich mich frage, ob ich diesen Therapieplatz verdient habe, denn meine Probleme „seien keine realen Probleme“.
Nachdem ich drei Jahre in Therapie war, möchte ich dir sagen: Du hast es verdient, die Hilfe zu bekommen, die es braucht, damit es dir besser geht.
Ich weiß, der Weg zur Therapie ist nicht unkompliziert: es gibt lange Wartezeiten und der/die Therapeut*in muss natürlich auch menschlich zu dir passen. Jedoch möchte ich dich ermutigen, zumindest den ersten Schritt zu gehen: Dich, deine Bedürfnisse und Gefühle ernst zu nehmen.
Sicherlich gibt es Menschen, denen es schlechter geht, aber macht das deine Erfahrungen deswegen irrelevant oder nicht existent?
Wenn wir uns selbst schon unsere Bedürfnisse und Erfahrungen absprechen, wie können wir Heilung für unsere Wunden finden?
Heilen ist ein großes Wort. Was ich persönlich damit meine ist, die Teile von mir anzusehen, die verletzt sind, die schmerzen, die trauern, die vergessen wurden – und diese zu umarmen. Anzuerkennen, dass sie aus Gründen da sind und ich gleichzeitig neue Umgänge finden kann, auf Situationen zu reagieren. Dass meine Gefühle immer valide sind, ich jedoch Schmerz und Leid nach einer Zeit loslassen, transformieren kann und daraus wachsen darf.
Glaube ich daran, dass wir „geheilt“ werden können? Nein, das glaube ich nicht.
Geheilt zu sein klingt wie ein abgeschlossener Prozess, aber Heilung ist dynamisch, offen und kein linearer Prozess. Und dennoch ist es möglich, vergangene Erfahrungen neu zu kontextualisieren und sich selbst korrigierende Erfahrungen zu erlauben.
Diese Momente sind heilend, aber heilen mich nicht als Person. Denn wir als Menschen sind nicht unfertig oder gebrochen, es ist auch nichts falsch mit uns, was „weggeheilt“ werden müsste. Aber wir sind Menschen, die Geschichten und Schmerz in uns tragen.
Es geht um die Frage: Wie kann ich weitergehen und mein Leben so gestalten, dass die Geschichte mich nicht mehr definiert oder gefangen hält?
Es geht um die Akzeptanz und Liebe für mich selbst, mit allem, was ich bin - das bedeutet für mich Heilung.



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